Machtkampf unter den Gesellschaftern – Ermittlungen als Waffe

Neue Investoren sind nicht immer die rettenden Engel, wenn ein Unternehmen in Schieflage geraten ist. Schnell stehen hunderte Millionen Euro auf dem Spiel. Wie Ermittlungen in letzter Minute eine komplexe Verschwörung aufgedeckt haben.

Ein mittelständisches deutsches Unternehmen, das innovative High-Tech-Produkte herstellt, war wegen seiner hohen R&D-Kosten über die Jahre in finanzielle Not geraten. Seine Hauptgesellschafterin, eine Familienholding, suchte und fand einen neuen zusätzlichen Geldgeber, der mit einer Minderheitsbeteiligung von 25% bei dem Unternehmen einstieg.

Der Investor, ein Fonds mit Büros in Paris und einer komplexen Firmenstruktur in der Schweiz, sagte und tat zunächst die richtigen Dinge: Bekenntnis zu nachhaltigem Wachstum, Interessenwahrung für Inhaberfamilie und Arbeitnehmer, strategische und sozialverträgliche Neuausrichtung. Große Erleichterung auf allen Seiten – wird schon werden. Doch im Vorstand, in den nun zwei Vertreter aus Paris eingezogen waren, braute sich etwas zusammen.

People in dark room

SCHRITT 1: Die Finanzlage des Unternehmens wird von den Neuen zunehmend dramatisiert, die Zukunftsfähigkeit angezweifelt. (Während der Anbahnungsgespräche klang das alles ganz anders.) Externe Finanzberater geben sich fortan die Klinke in die Hand und stützen mit ihren Berichten stets die Pariser Position.

SCHRITT 2: Weil angeblich immer mehr Geld benötigt wird, bringen die Franzosen einen zweiten Investor ins Spiel – einen Spezialisten aus New York für „distressed assets“, angeschlagene Firmen. Er soll ebenfalls mit einer Minderheitsbeteiligung einsteigen, frisches Geld bereitstellen und international Türen fürs Geschäft öffnen.

SCHRITT 3: Die Pariser Vorstände greifen zunehmend die Vorstandsmitglieder aus der Familienholding an und arbeiten an deren Absetzung. Ein erstes Aktienpaket eines stillen Gesellschafters, der gegen den Strom der Familie schwimmt, wechselt die Seiten zu den Franzosen.

SCHRITT 4: Nach monatelangen Gesprächen und Verhandlungen zieht der New Yorker Investor überraschend sein Angebot zurück und storniert den Deal. Damit steigt der Druck auf die Familienholding, was den Managern aus Paris in die Hände spielt.

SCHRITT 5: Die Franzosen setzen durch, dass das Unternehmen einen Kredit über $ 14 Mio. bei einem obskuren US-Finanzdienstleister aufnimmt, um kurzfristig liquide zu bleiben. Als Sicherheit dient ein Aktienpaket des Unternehmens.

SCHRITT 6: Aufgrund juristischer Schlupflöcher in dem amerikanischen Kreditvertrag, den die Deutschen nicht durchschaut haben, verkauft der US-Finanzdienstleister das als Sicherheit gedachte Aktienpaket kurzfristig an ein Schwesterunternehmen auf den Cayman Islands. Die Aktien sind weg, ihre Stimmrechte liegen jetzt bei unbekannten Dritten, die sich hinter der Offshore-Firma verstecken. Der deutschen Familienholding entgleitet zunehmend die Kontrolle über die Mehrheitsverhältnisse im Vorstand.

Um fünf vor Zwölf beauftragt die Familienholding Ermittlungen und eine umfassende Verflechtungsanalyse zu den beteiligten Personen und Firmen im In- und Ausland. Nach mehreren Wochen Informationsbeschaffung lautet die Feststellung: Die Schweizer Firmenstruktur der Franzosen, obwohl weitgehend anonym aufgebaut, hat nachweisliche Querverbindungen zu dem New Yorker „Firmenretter“: er ist an der Schweizer Struktur durch zwei Muttergesellschaften in der US-Steueroase Delaware beteiligt. Eine davon hat zudem Verbindungen zu der Briefkastengesellschaft auf den Cayman Islands, die so überraschend Stimmrechte bei dem angeschlagenen Unternehmen erwarb. Eine Verschwörung.

Eine internationale Rechtsanwaltskanzlei arbeitete seitdem unter Hochdruck in drei Ländern daran, die gar nicht so wohlwollenden Investoren wieder aus dem Unternehmen zu entfernen. Die Aufarbeitung dürfte noch Jahre dauern und Millionen kosten. Doch ein Totalverlust konnte abgewendet werden – in letzter Minute.

(Details des realen Falles wurden zur Wahrung der Vertraulichkeit anonymisiert.)

Sebastian Okada / 21.09.2018

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